• Erinnerung an die ermordeten Juden von Šeduva
In der Kleinstadt Šeduva im Norden Litauens entstand eine Reihe von Gedenkzeichen in Erinnerung an die einstige jüdische Gemeinde der Stadt.
Bild:Šeduva, 1935, Pessachfest im Kibbutz »HaKovesh«, Yad Vashem
Šeduva, 1935, Pessachfest im Kibbutz »HaKovesh«, Yad Vashem

Bild:Šeduva, 2015, Holocaustdenkmal an einem Massengrab im Wald von Liaudiškiai, Šeduva Jewish Memorial Fund, Arūnas Baltėnas
Šeduva, 2015, Holocaustdenkmal an einem Massengrab im Wald von Liaudiškiai, Šeduva Jewish Memorial Fund, Arūnas Baltėnas
Šeduva (deutsch und russisch: Schadow, jiddisch: Shadeve) ist eine Kleinstadt auf etwa halbem Wege zwischen Schaulen (litauisch: Šiauliai) und Panevėžys im Norden Litauens, die traditionell vor allem von der Landwirtschaft lebte. Juden lebten hier seit dem 15. Jahrhundert. Anfang des 18. Jahrhunderts siedelten sich viele weitere jüdische Familien in Šeduva an. Ab 1795 war Litauen Teil des Russischen Zarenreichs, so auch Šeduva. Die Hauptsynagoge wurde 1866 geweiht. Am Ende des 19. Jahrhunderts waren mehr als die Hälfte der etwa 5.000 Einwohner der Stadt Juden, die Stadt hatte den Charakter eines Schtetl.
Während des Ersten Weltkrieges wurde die Stadt weitgehend zerstört, woraufhin viele Juden Šeduva verließen. Litauen wurde ein unabhängiger Staat, in dem der Antisemitismus vor allem in den 1930er Jahren stark zunahm. Viele Juden wanderten aus, etwa in die USA oder nach Palästina. Gleichzeitig gewann der Zionismus viele Unterstützer, vor allem bei der jüdischen Jugend.
1940 wurde Litauen in die Sowjetunion eingegliedert. Im Juni 1941 griff die deutsche Wehrmacht die Sowjetunion an, Šeduva wurde bereits wenige Tage später eingenommen. Viele Litauer begrüßten die Deutschen als Befreier. In den ersten Tagen der Besatzung ermordeten litauische Nationalisten Juden, die sie der Zusammenarbeit mit den sowjetischen Behörden beschuldigten. Wenige Wochen später wurden die Juden Šeduvas in ein nahe gelegenes Dorf verschleppt, wo sie in Baracken festgehalten wurden. Viele wurden erschossen. Am 25. August 1941 wurden die Juden auf LKW verladen und in den Wald von Liaudiškiai gefahren. An diesem und am nächsten Tag ermordete das aus Deutschen und Litauern bestehende »Rollkommando Hamann«, das in diesen Monaten überall in Litauen ganze jüdische Gemeinden auslöschte, alle noch verbliebenen Juden von Šeduva.
Bild:Šeduva, 1935, Pessachfest im Kibbutz »HaKovesh«, Yad Vashem
Šeduva, 1935, Pessachfest im Kibbutz »HaKovesh«, Yad Vashem

Bild:Šeduva, 2015, Holocaustdenkmal an einem Massengrab im Wald von Liaudiškiai, Šeduva Jewish Memorial Fund, Arūnas Baltėnas
Šeduva, 2015, Holocaustdenkmal an einem Massengrab im Wald von Liaudiškiai, Šeduva Jewish Memorial Fund, Arūnas Baltėnas
Laut dem »Jäger-Bericht« vom Dezember 1941, einem Lagebericht der im Baltikum operierenden SS-»Einsatzgruppe A«, wurden am 25. und 26. August 1941 insgesamt 664 Juden (»230 Juden, 275 Jüdinnen, 159 Judenkinder«) in Šeduva ermordet. Bereits in den Wochen zuvor wurden Juden in großer Zahl ermordet, so dass die Gesamtzahl der ermordeten Juden von Šeduva bei etwa 800 liegt. Genauere Zahlen sind nicht bekannt.
Bild:Kaunas, 1941, Ausschnitt aus dem »Jäger-Bericht«, der über Massenmorde im Baltikum Auskunft gab, Rossijskij Gosudarstvennyj Voennyj Archiv, Moskau
Kaunas, 1941, Ausschnitt aus dem »Jäger-Bericht«, der über Massenmorde im Baltikum Auskunft gab, Rossijskij Gosudarstvennyj Voennyj Archiv, Moskau

Bild:Šeduva, 2015, Der restaurierte jüdische Friedhof, Šeduva Jewish Memorial Fund, Arūnas Baltėnas
Šeduva, 2015, Der restaurierte jüdische Friedhof, Šeduva Jewish Memorial Fund, Arūnas Baltėnas
Seit August 1941 leben in Šeduva keine Juden mehr. Litauen gehörte nach dem Zweiten Weltkrieg wieder zur Sowjetunion. In dieser Zeit wurden die Massengräber der ermordeten Juden markiert und mit einfachen Gedenksteinen versehen. Von den ehemaligen Synagogen der Stadt sind nicht einmal Fotos erhalten geblieben. Die einzig erhaltene Spur der jüdischen Gemeinde, die früher die Mehrheit der Stadt stellte, war der verfallene und zugewachsene jüdische Friedhof.
Zwanzig Jahre nach der Wiedererlangung der Unabhängigkeit Litauens hat sich die Bürgerinitiative »Šeduva Jewish Memorial Fund« (litauisch: Šeduvos žydų memorialinis fondas) zum Ziel gesetzt, in Šeduva einen der zentralen Gedenkorte in Erinnerung an die Juden Litauens und den Holocaust ins Leben zu rufen. Er sollte einen Eindruck der Kultur der litauischen Juden (jiddisch traditionell Litwaks genannt) und des Lebens im Schtetl vermitteln, aber auch den Opfern des Holocaust ein würdiges Gedenken sein. Als erster Schritt wurde der jüdische Friedhof wieder hergerichtet, Hunderte Grabsteine entziffert und wieder aufgestellt. Nach den Plänen des Künstlers Romas Kvintas entstanden neue Denkmäler bei den Massengräbern der Opfer der Massenerschießungen im Wald von Liaudiškiai, ein weiteres Denkmal im Stadtzentrum soll folgen. Für die Zukunft ist ein Museum über die Geschichte der Juden Šeduvas geplant, dieses sollte in der Nähe des Friedhofs entstehen.
Bild:Šeduva, 2015, Auf dem jüdischen Friedhof, Šeduva Jewish Memorial Fund, Arūnas Baltėnas
Šeduva, 2015, Auf dem jüdischen Friedhof, Šeduva Jewish Memorial Fund, Arūnas Baltėnas

Bild:Šeduva, 2015, Holocaustdenkmal an einem Massengrab im Wald von Liaudiškiai, Šeduva Jewish Memorial Fund, Arūnas Baltėnas
Šeduva, 2015, Holocaustdenkmal an einem Massengrab im Wald von Liaudiškiai, Šeduva Jewish Memorial Fund, Arūnas Baltėnas
Name
Šeduvos žydų kapinės ir holokausto paminklai
Adresse
Žvejų gatvė
82007 Šeduva
Telefon
+370 (0)698 44091
Web
http://www.szmf.lt/
E-Mail
jonas.dovydaitis@szmf.lt
Öffnungszeiten
Der jüdische Friedhof ist täglich geöffnet, außer Samstags und an jüdischen Feiertagen. Die Holocaustdenkmäler im Wald sind jederzeit zugänglich.