• Historisches Museum des Widerstandes / Nationaler Friedenspark
Am 12. August 1944 wurden im toskanischen Sant'Anna di Stazzema 560 Zivilisten – vor allem Frauen, Alte und Kinder – ermordet und das Dorf zerstört. Verschiedene Einrichtungen vor Ort gedenken der Opfer dieses Massakers: ein Museum, ein Denkmal und seit 2000 auch ein »Nationaler Friedenspark«.
Bild:Sant'Anna di Stazzema, 2008, Ansicht mit Dorfkirche, Sergio Bovi Campeggi
Sant'Anna di Stazzema, 2008, Ansicht mit Dorfkirche, Sergio Bovi Campeggi

Bild:Sant'Anna di Stazzema, 2008, Außenansicht des Beinhauses, Sergio Bovi Campeggi
Sant'Anna di Stazzema, 2008, Außenansicht des Beinhauses, Sergio Bovi Campeggi
Als im Sommer 1944 die Front durch die toskanische Küstenlandschaft Versilia verlief, flüchteten Tausende vor den Kämpfen in abgelegene Bergdörfer wie Sant’Anna di Stazzema, das nur über kleine Pfade zu erreichen war. Die Bevölkerung dort war von 400 auf 1.500 angewachsen. Obwohl die toskanischen Berge auch Widerstandskämpfern Schutz boten, gibt es keine Hinweise darauf, dass sich in Sant’Anna Partisanen versteckt gehalten hätten.
Gleichzeitig war die Gegend Schauplatz von mehreren Massakern an der Zivilbevölkerung, die unter dem Vorwand der »Partisanenbekämpfung« von der 16. SS-Freiwilligen-Panzergrenadier-Division »Reichsführer SS« unter dem Kommando des SS-Gruppenführers Max Simon begangen wurden. Am Morgen des 12. August umzingelten vier Kompanien, etwa 300 Soldaten, das Dorf. Die Truppenbewegungen wurden im Ort bemerkt. Die Bewohner gingen davon aus, dass eine Polizeiaktion auf der Suche nach Männern im wehrfähigen Alter bevorstand. Die meisten Männer flüchteten daher in die Wälder, während im Dorf vor allem Kinder, Frauen und Alte zurückblieben. Die Angehörigen der SS richteten jedoch ein Blutbad an: bis zu 560 Zivilisten wurden unter Einsatz von Maschinenpistolen, Handgranaten, Flammenwerfern und Stichwaffen ermordet. Die Truppen zerstörten die Kirche und viele Häuser, und setzten die Leichen auf dem Kirchplatz in Brand.
Bild:Sant'Anna di Stazzema, 2008, Ansicht mit Dorfkirche, Sergio Bovi Campeggi
Sant'Anna di Stazzema, 2008, Ansicht mit Dorfkirche, Sergio Bovi Campeggi

Bild:Sant'Anna di Stazzema, 2008, Außenansicht des Beinhauses, Sergio Bovi Campeggi
Sant'Anna di Stazzema, 2008, Außenansicht des Beinhauses, Sergio Bovi Campeggi
Die Toskana ist eine der Regionen Italiens, die am stärksten Gewalt und Terror von deutschen Besatzungseinheiten ausgesetzt waren. Nicht nur Mitglieder der SS, sondern auch Wehrmachts- und Luftwaffenangehörige begingen dort in über 280 Fällen Massaker an der Zivilbevölkerung, vor allem zwischen April und August 1944. 83 Gemeinden waren betroffen, etwa 4.500 Zivilisten wurden ermordet. Mindestens 10.000 Menschen wurden zur Zwangsarbeit ins Deutsche Reich verschleppt. In Sant’Anna di Stazzema wurden 560 Menschen ermordet, vorwiegend Frauen, Alte und Kinder.
Bild:Sant'Anna di Stazzema, 2008, Skulpur im Inneren des Beinhauses, Sergio Bovi Campeggi
Sant'Anna di Stazzema, 2008, Skulpur im Inneren des Beinhauses, Sergio Bovi Campeggi

Bild:Sant'Anna di Stazzema, 2008, Dorfkirche, in der die »Friedensorgel« steht, Sergio Bovi Campeggi
Sant'Anna di Stazzema, 2008, Dorfkirche, in der die »Friedensorgel« steht, Sergio Bovi Campeggi
Unmittelbar nach dem Krieg waren die überlebenden Einwohner von Sant'Anna di Stazzema vor allem um den Wiederaufbau des Dorfes bemüht. 1948 entstand ein erster Gedenkort, zahlreiche Erinnerungszeichen folgten später.
Es wurde zunächst ein Beinhaus errichtet, in dem die Opfer beigesetzt wurden. 1975 entstand in Sant'Anna di Stazzema das »Regionale Zentrum des Widerstandes« (italienisch: »Centro Regionale della Resistenza«). 1982 kam eine Gemäldesammlung hinzu, die 1991 zu einem »Historischen Museum des Widerstands« erweitert wurde. 2000 eröffnete ein Friedenspark, der internationale Friedensinitiativen unterstützen soll.
2007 wurde in der Dorfkirche eine durch Spenden aus Deutschland und Italien finanzierte »Friedensorgel« eingeweiht.
Eine vollständige juristische Aufarbeitung steht noch aus. Max Simon wurde zwar 1948 unter anderem für das Verbrechen von Sant’Anna zum Tode verurteilt; später wurde seine Strafe in lebenslange Haft umgewandelt. Andere Täter blieben bis in die 1990er Jahre unbehelligt, weil deutsche Kriegsverbrechen in Italien aus Rücksicht auf den NATO-Verbündeten Bundesrepublik Deutschland während des Kalten Krieges kaum verfolgt wurden. Erst 1994 wurde bei der Militärstaatsanwaltschaft in Rom der »Schrank der Schande« entdeckt, ein seit 1960 unter Verschluss gehaltenes Archiv zu deutschen Kriegsverbrechen. Anhand der Materialien wurden zehn Verantwortliche für das Massaker von Sant’Anna ermittelt und in Abwesenheit zu lebenslanger Haft verurteilt. Sie mussten ihre Strafe jedoch nicht antreten, da das Grundgesetz der Bundesrepublik die Auslieferung deutscher Staatsangehöriger verbietet. 2002 nahm die Staatsanwaltschaft Stuttgart eigene Ermittlungen gegen die mutmaßlichen Täter auf. Diese wurden im Oktober 2012 unter Hinweis auf einen Mangel an Beweisen eingestellt.
Bild:Sant'Anna di Stazzema, 2006, Das Museum mit dem Beinhaus im Hintergrund, Freunde der Friedensorgel Sant’Anna di Stazzema  e.V.
Sant'Anna di Stazzema, 2006, Das Museum mit dem Beinhaus im Hintergrund, Freunde der Friedensorgel Sant’Anna di Stazzema e.V.

Bild:Sant'Anna di Stazzema, 2008, Detailansicht der Skulpur im Inneren des Beinhauses, Sergio Bovi Campeggi
Sant'Anna di Stazzema, 2008, Detailansicht der Skulpur im Inneren des Beinhauses, Sergio Bovi Campeggi
Name
Museo Storico della Resistenza / Parco Nazionale della Pace
Adresse
Via Coletti 22
55041 Sant’Anna di Stazzema
Telefon
+39 0584 772 286
Fax
+39 0584 772 025
Web
http://www.santannadistazzema.org/
E-Mail
santannamuseo@comune.stazzema.lu.it
Öffnungszeiten
Museum: Oktober bis Mai dienstags und mittwochs 9.00 bis 14.00, donnerstags bis samstags 9.00 bis 17.30, sonntags 14.30 bis 18.00
Juni bis September dienstags und mittwochs 9.00 bis 14.00, donnerstags bis samstags 9.30 bis 18.00, sonntags 15.00 bis 18.30
Der Park ist uneingeschränkt zugänglich.
Angebot
Dauerausstellung, Videoproduktionen, Filmsammlung,
Führungen, Zeitzeugengespräche, Jugendbegegnungen